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Pressekonferenz der Österreichischen Parkinson Gesellschaft vom 6. Oktober 2020

Morbus Parkinson – neue Therapiekonzepte für mehr Lebensqualität

Derzeit leben in Österreich 20.000 bis 30.000 Menschen mit der Diagnose Morbus Parkinson – Tendenz steigend. Zur Behandlung steht eine breite Palette an Substanzen zur Verfügung – damit lässt sich oft über viele Jahre eine gute Lebensqualität erzielen. Detaillierte Informationen bietet die Internet-Plattform www.parkinson-portal.at.

Die Parkinson-Krankheit ist die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung nach Alzheimer-Demenz. Sie ist durch den fortschreitenden Verlust von Dopamin-produzierenden und anderen Nervenzellen im Gehirn und anderen Teilen des Nervensystems gekennzeichnet.

Sehen Sie hier das Video zur Pressekonferenz vom 6.10.2020: 

Symptome und Verlauf

„Die Krankheit beginnt meist schleichend, mit unspezifischen Beschwerden“, berichtet Priv.-Doz. Dr. Sylvia Boesch, Präsidentin der Österreichischen Parkinson-Gesellschaft (ÖPG), Univ.-Klinik für Neurologie, Medizinische Universität Innsbruck. Als nicht-motorische Frühsymptome können Depressionen, Schlafstörungen, Verstopfung, Störungen des Geruchssinns, Schmerzen und Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich auftreten. Zu motorischen Frühsymptomen gehören eine leisere, monotone Stimme, reduzierte Mimik, das fehlende Mitschwingen eines Armes beim Gehen oder Zittern (Ruhetremor). Später sind ein vornüber gebeugter Gang und Gleichgewichtsstörungen, Muskelsteifigkeit, kleine langsame Schritte Teil des Beschwerdespektrums.

Generell lassen sich drei Krankheitsphasen unterscheiden: Nach Diagnosestellung und Therapiebeginn erleben viele Patienten die meist mehrere Jahre dauernde „Honeymoon“ Phase (Phase I) – eine Zeit mit stabiler und verlässlicher Wirkung der Medikamente. In Phase II kommt es zunehmend zu vorhersehbaren Schwankungen der Medikamentenwirkung (Wirkungsfluktuationen). In Phase III häufen sich auch unvorhersehbare Wirkungsschwankungen.

Klinische Diagnose und weiterführende Untersuchungen

„Die Diagnose wird vom Facharzt für Neurologie anhand der neurologischen Symptome gestellt“, erläutert Prim. Univ.-Prof. Dr. Pirker, Vizepräsident der ÖPG, Abt. für Neurologie in der Wiener Klinik Ottakring (vormals Wilhelminenspital). Zusätzlich sollte jeder Patient eine strukturelle Bildgebung des Kopfes (MRT oder CT) erhalten, um mögliche andere Ursachen für parkinsonähnliche Beschwerden wie kleine Schlaganfälle, Hirntumoren, Entzündungen oder Folgen von Hirnverletzungen auszuschließen. Bei unklarem Befund kann ergänzend eine nuklearmedizinische Untersuchung, das sogenannte Dopamin-Transporter-Imaging, hilfreich sein. Zusätzliche Untersuchungen sind Riechtests und die Ultraschalluntersuchung des Mittelhirns.

Bewährte und neue Therapiekonzepte

Morbus Parkinson kann medikamentös gut behandelt werden. Durch einen Ersatz des Neurotransmitters Dopamin kann in vielen Fällen eine erhebliche Verbesserung der Beschwerden erzielt werden. „Aufgrund des Fortschreitens der Erkrankung kommen im Verlauf unterschiedliche Strategien zum Einsatz“, erklärt Prim. Doz. Dr. Katzenschlager, neurologische Abt. Donauspital/SMZ Ost.

In den ersten Jahren der Erkrankung reichen oft Medikamente zum Schlucken aus. Bei einer Erhöhung der Beeinträchtigungen und beim Auftreten von Wirkschwankungen werden oft auch Kombinationen aus Medikamenten und gerätebasierte Therapien (z.B. der Apomorphin Injektor Pen) eingesetzt.

Kombination Tabletten & Injektor-Pen: Eine effektive und einfach anwendbare Therapieform bietet ein praktischer Fertig-Pen, mit dessen Hilfe Apomorphin als Einzeldosis ins subkutane Fettgewebe verabreicht wird. Damit können sich Betroffene bei Bedarf eine vorab individuell voreingestellte Dosis selbst injizieren. Von speziell ausgebildeten diplomierten Gesundheits- und KrankenpflegerInnen (Applikationsspezialisten) wird ein Patientenservice angeboten, um die Anwendung des Pens so einfach wie möglich zu machen.

Der Apomorphin-Pen zeichnet sich durch eine hohe und rasch eintretende Wirksamkeit aus. Laut einer placebokontrollierten Studie können 95 Prozent der „Off“-Perioden (schlechter motorischer Zustand aufgrund fehlender Medikamentenwirkung) mit dem Apomorphin-Pen zuverlässig beendet werden und die Patienten erhalten binnen Minuten volle Beweglichkeit (Trenkwalder et al., Parkinsonism and Related Disorders 2015 Sep;21(9):1023-1030). „Der Pen stellt eine wertvolle Ergänzung zur oralen Medikation bei vielen Arten von „Off“-Zuständen dar, unter anderem auch bei der oft sehr belastenden frühmorgendlichen Unbeweglichkeit“, resümiert Prim. Katzenschlager.

Bei fortgeschrittenen Parkinsonsymptomen stehen zur kontinuierlichen Therapie zwei Infusionstherapien mittels Pumpe zur Auswahl, welche den Wirkstoff (L-Dopa oder Apomorphin) gleichmäßig zuführen. Auch ein Hautpflaster mit Wirkstoff kann zum Einsatz kommen. Für manche Betroffene kommt die tiefe Hirnstimulation als neurochirurgischer Eingriff infrage.

Ansätze zur Krankheitsmodifikation

Trotz guter Wirksamkeit ist bislang keine der verfügbaren Therapien in der Lage, die Progression der Erkrankung zu stoppen oder signifikant zu verlangsamen. Letzteres bleibt daher das vorrangigste Ziel der Parkinson-Therapieforschung.

„In den vergangenen Jahren ist es zu wichtigen Fortschritten auf dem Weg zur Möglichkeit progressionsmindernder Interventionen gekommen“, so em. o. Univ.-Prof. Dr. Werner Poewe, Univ.-Klinik für Neurologie, Medizinische Universität Innsbruck. Insbesondere die Erforschung der genetischen Architektur der Parkinson-Krankheit hat wesentliche Einblicke in die molekulare Pathogenese ermöglicht und neue Angriffspunkte für krankheitsmodifizierende pharmakologische Interventionen geliefert.